© Bild: ACAT-Gruppe Vallée de la Jogne

 
 

 
 
 
 
 
 

 

Nächtliche Gebetswache 2020: Meditation

 
 

 

Hiobs Schrei

 

Wo ist da noch Hoffnung für mich? (Hiob 17,15)

 

Der Schrei des verhöhnten Unschuldigen

 

Das Bibelwort hat nichts Beruhigendes. Es bietet zwar die Begegnung mit dem höchsten Gott an, der Abraham, Moses, die Propheten und das Volk der Gläubigen auf den Weg schickt, aber es lässt nichts von der Tragik des menschlichen Lebens aus. Von den ersten Seiten weg sind die Gewalt und das Böse am Werk. Den Angriffen von Behemot und Leviatan entkommt man nicht. In Bezug auf das Böse merkt der protestantische Theologe Dany Nocquet an: «Das Böse existiert, unabhängig von Gott … Gott schafft es nicht ab, aber er begrenzt es … Das Bekenntnis Gottes zu seiner Schöpfung trifft auf die Auflehnung Hiobs gegen die Ungerechtigkeit des Leidens … Das Angesicht Gottes spiegelt sich nicht in der traditionellen Weisheit der Freunde Hiobs, sondern in der schwierigen und kämpferischen Existenz Hiobs … Gott ruft uns auf, an diesem nie endenden Kampf teilzunehmen.»*

 

Wer sich bemüht, mit Gott zu gehen, wird von seinem Glauben und seiner Hoffnung geleitet, doch die menschliche Not, der verachtete Gerechte und der gepeinigte Unschuldige werden uns immer empören. Das heftige Aufbegehren Hiobs geht über in die Beschwichtigung: «aber nun hat mein Auge dich gesehen» (Hiob 42,5), doch sein Schrei löst bei uns noch heute Betroffenheit aus. Die Fragen, die der gedemütigte treue Diener stellt, bleiben hochaktuell.

 

In der Bibel wird das Bild vom leidenden Diener aus Jesaja (Kapitel 53) in der quälenden Klage Hiobs wieder aufgegriffen, und dieselbe Verzweiflung kommt im Psalm 22 zum Ausdruck. Dieser beginnt mit dem zerreissenden Aufschrei, den der gekreuzigte Christus auf Golgatha wieder aufnimmt: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»

 

Als engagierte ChristInnen führen wir bei ACAT unermüdlich diesen Kampf gegen das Böse, das auch in uns und in unseren Gemeinden gegenwärtig ist. Wir protestieren, hinterfragen, appellieren, weil Menschen leiden – Brüder und Schwestern, die wie Hiob von Einsamkeit und Verzweiflung erdrückt werden. Unter der Erniedrigung und Gewalt ihrer Peiniger sehnen sie manchmal den Tod herbei oder verwünschen den Tag ihrer Geburt. An diesem 26. Juni 2020 laden wir zum 15. Jahr in Folge Christinnen und Christen ein, sich uns anzuschliessen für die Nächtliche Gebetswache und die Folteropfer, die zum Tod Verurteilten und die Misshandelten im Gebet zu tragen.

 

Das Unheil beginnt stets von neuem

 

Wie er uns berührt, Hiob, dieser niedergeschmetterte Mann, der mit letzten Kräften seine Verzweiflung herausschreit! Gott hat die Prüfung seines Dieners Hiob durch den Satan akzeptiert. Zerstört durch die Trauer sowie den körperlichen und psychischen Schmerz, widersteht Hiob den Predigten seiner Freunde, welche die alte Leier des Büssens für Fehler anstimmen. Sogar als Hiob seinen Protest vor dem Schöpfer herausschreit, zerreisst er den Faden nicht, der ihn mit seinem Gott verbindet.

 

Die Frage des Bösen spricht uns auch heute noch an. Das schmerzvolle 20. Jahrhundert hat uns seine Schändlichkeit häufig in Echtzeit Augen geführt. Nach der Shoah, der Atombombe und den Gräueln des Gulags wollte man an eine bessere Zukunft glauben und beteuerte: Nie mehr! Manche schrien «Gott ist tot!», andere rechtfertigten Verbrechen mit dem Namen Gottes.

Entschlossen, dem Frieden eine Chance zu geben, verfassten Frauen und Männer guten Willens nach dem 2. Weltkrieg die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, welche den Menschen eine bessere Zukunft in Gleichberechtigung und Würde anbieten wollte.

 

Doch 71 Jahre später ist unsere Welt leider weiterhin in einem katastrophalen und besorgniserregenden Zustand. Neue Konflikte brechen auf, Massengräber sind Zeugen von Gemetzel oder Völkermord. Die Nachrichten von Massakern und Folter können uns sprachlos machen und entmutigen.

 

Als ChristInnen betrachten wir, gestützt auf unseren Glauben an den Gott der Liebe und der Barmherzigkeit, den leidenden Diener, den gekreuzigten Christus. Er hat sein Leben gegeben, hat sich dem Vater hingegeben. Er ist für immer auf der Seite derjenigen, die mit Füssen getreten, der Folter unterworfen, in Kellern eingekerkert, in Frachträume gezwängt, ausgehungert und erniedrigt werden, deren entstellte Kinder-, Frauen- und Männergesichter niemand sehen will und denen man ihre Menschenwürde nehmen will. Wenn Christus das Leiden der Menschen trägt, sind wir selber zu Mitgefühl aufgerufen und dazu, im eigentlichen Sinn des Wortes mit-zu-leiden mit jenen, denen wir heute unser Gebet widmen.

 

Die unbesiegbare Hoffnung, dieser Weg, den uns der Auferstandene am Ostermorgen öffnet

 

In die Anklagerede Hiobs gegen seinen ihn unterdrückenden Schöpfer schleicht sich ein erstaunliches, grossartiges Glaubensbekenntnis, das aus seinem Innersten herausbricht: Im tiefsten Elend bleibt Hiob gläubig und seinem Gott treu.

«Ich weiss, dass mein Erlöser lebt, und zuletzt wird er sich über den Staub erheben. Und nachdem diese meine Hülle zerbrochen ist, dann werde ich, von meinem Fleisch los, Gott schauen».(Hiob, 19,25-26)

 

Mitten im Dunkeln ist es gut, an den anbrechenden Tag zu denken. Angesichts des Leidens, der Unterdrückung, und der Folter können wir uns niedergeschmettert fühlen … Wir können uns aber auch der Hoffnung öffnen, indem wir Handeln und Gebet verbinden, um unseren Mitmenschen in Not die Hand zu reichen.

Die Mönche von Tibhirine und ihr Prior Christian de Chergé waren mit blinder Gewalt konfrontiert. Sie entschieden, in Algerien zu bleiben, das von einem mörderischen Wahnsinn heimgesucht wurde. Als er mit seinen Brüdern über die unmittelbare Zukunft nachdachte, verfasste Christian das Gebet: «Entwaffne mich, entwaffne uns, entwaffne sie». Wenn wir in dieser Nacht die Opfer wie auch die Täter in unser Gebet aufnehmen, anerkennen wir, dass wir irgendwie beteiligt sind an diesem Bösen, das herrscht, und dass wir es folglich nötig haben, vom Bösen erlöst zu werden.

 

Für die Wachenden

 

«Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen.» (Hiob, 42,5)

 

Nach der Konfrontation mit Gott verneigt sich Hiob: «was soll ich dir erwidern? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen!» (Hiob 40,4). Vor dem Leiden Hiobs waren die drei Freunde anfangs voller Mitleid still geblieben.

 

Wir kommen in dieser Nacht, unsere leidenden Brüder und Schwestern zu unterstützen.

Wir leben in einer von Kommentaren und schmarotzendem Lärm überladenen Welt. Das Buch Hiob bringt uns zum Wesentlichen und macht uns auf die Leidenden aufmerksam.

Wir können im Verlauf der Wache Momente der Besinnung einbauen, um zu meditieren, den leidenden Christus zu betrachten, wie auch die Gesichter dieser Frauen und Männer, denen unsere Gebete gelten.

Christus hat gelitten, ist gestorben, ist auferstanden.

Mit Christus, der uns befreit hat, ist das Leiden nicht mehr eine Sackgasse, sondern wird zu einem Durchgang.

Lasst uns also mit Vertrauen und Ausdauer beten für die Opfer, und auch für die Folterer.

Vertrauen wir sie durch Christus, und durch den Heiligen Geist, Gott dem Barmherzigen an.

 

Marie-Nicole Azema (ACAT-Frankreich)

(Übersetzung: ACAT-Schweiz)


* Le Livre de Job. Aux prises avec la justice divine. Dany Nocquet. Éditions Olivétan

 
 
 
 
 

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