Bild: Suche nach Verschwundenen in der Nähe von Ciudad Juárez, 13. Mai 2021

(Centro de Derechos Humanos Paso del Norte)

 
 
 
 

Aktion zum Karfreitag 2024

 

«Skelettreste zu finden, ist einfach. Identifiziert werden sie aber selten.»

 

Verschwunden. Das systematische Verschwindenlassen in Mexiko

 

Nach offiziellen Angaben wurden 2023 in Mexiko 28 213 Menschen als vermisst gemeldet. Suchende Angehörige stehen völlig überforderten Behörden gegenüber. Da Staatsbedienstete oft selber in Fälle von Verschwindenlassen verwickelt sind, gibt es von ihrer Seite wenig Bemühungen, die Situation zu verbessern. Einzig Angehörige und die Zivilgesellschaft können kleine Fortschritte bewirken.

 
 

WERDEN SIE AKTIV!

 

Unterschreiben Sie unsere Petition! Jacobo Orozco García, der seit 10 Jahren verschwunden ist, soll endlich gefunden werden, und die mexikanischen Behörden sollen die Suche nach Vermissten generell intensivieren!

 

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Die Kreuzwege, die an Karfreitag in Mexiko stattfinden, sind voller realem Schmerz. An Mahnwachen und Demonstrationen tragen die Menschen Kreuze und gedenken ihrer verschwundenen Liebsten. Manchmal halten sie an fast jeder Strassenecke – überall dort, wo Angehörige oder Freunde verschwunden sind. «Unsere Träume sind vorbei, unsere Pläne sind vorbei», erzählen sie, aber auch: «Wir werden nie aufhören, zu suchen».

 

Ayotzinapa: weiterhin Unklarheit

 

Internationale Bekanntheit erlangte das gewaltsame Verschwindenlassen in Mexiko 2014. Damals wurden 43 Studenten aus dem südmexikanischen Dorf Ayotzinapa entführt. Sie wurden nie mehr aufgefunden. Eine Expertengruppe stellte fest, dass sowohl das organisierte Verbrechen als auch örtliche Polizeikräfte und Armeeangehörige in die Entführung verwickelt waren. In ihrem Abschlussbericht vom Juli 2023 hielten die Experten fest, die Generalstaatsanwaltschaft und das Militär würden die Suche nach den Verschwundenen weiter behindern.

 

114 000 Verschwundene

 

Der Fall Ayotzinapa ist emblematisch. In Mexiko gibt es mindestens 114 000 Verschwundene, von denen bis heute jede Spur fehlt – davon sind über 97% nach 2006 verschwunden, als der damalige Präsident Felipe Calderón den Drogenkartellen den Krieg erklärte. Die Gewalt eskalierte.

 

Die offizielle Anzahl Verschwundener ist aber sehr umstritten. Die Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Viele Menschen misstrauen den Behörden und bringen Fälle gar nicht erst zur Anzeige, weil sie Angst haben vor Vergeltungsmassnahmen. Andere wissen nicht, wie sie vorgehen sollen oder sind überzeugt, dass die Behörden sowieso nichts für sie machen werden. Zudem wird das Nationale Register verschwundener und nicht aufgefundener Personen, das erst seit 2018 existiert, andauernd für seine intransparente Methodologie und fehlende Unabhängigkeit kritisiert. Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador seinerseits hält die Zahlen für aufgebauscht «um die Regierung anzugreifen». Mitte Dezember 2023 versuchte er die Zahlen in krasser Weise zurechtzubiegen. Er liess verlauten, es gebe bloss 12 377 Verschwundene.

 

Der forensische Notstand und die Menschenrechtskrise verstärken sich gegenseitig. Aktuell befinden sich mehr als 52 000 nicht identifizierte Leichen in mexikanischen Massengräbern und in gerichtsmedizinischen, universitären oder provisorischen forensischen Einrichtungen. Mangels nationaler Datenbanken können die Angaben zu den Vermissten meistens nicht mit den Daten zu den unidentifizierten Körpern verglichen werden.

 
 

Was ist Verschwindenlassen?


Bei Verschwindenlassen kommen die folgenden Elemente zusammen:

  • Die verschwundene Person ist Opfer einer Festnahme, eines Freiheitsentzugs, einer Entführung oder einer anderen Form der Freiheitsberaubung.
  • Die Täter:innen sind Staatsbedienstete oder Personen oder Gruppen, die mit Ermächtigung, Unterstützung oder Duldung des Staates handeln.
  • Nach der Tat weigern sich die Täter:innen, die Freiheitsberaubung anzuerkennen, oder sie verschleiern das Schicksal oder den Verbleib der verschwundenen Person. Diese wird somit dem Schutz des Gesetzes entzogen.
  • Das Ziel der Täter:innen ist oft, Personen zum Schweigen zu bringen, die als politische Gegner oder Aktivisten gelten, oder soziale Kontrolle auszuüben. Anders als bei Entführungen werden keine Forderungen gestellt. Die Familien bleiben im Ungewissen und die Opfer ohne rechtliche Handhabe. In den meisten Fällen werden die zum Verschwinden Gebrachten gefoltert.
 
 

Junge Männer, Frauen, Kinder, Migrant:innen

 

Besonders Männer zwischen 15 und 40 Jahren werden in Mexiko zum Verschwinden gebracht. Auch Verschwindenlassen von Frauen und Kindern ab 12 Jahren wird immer häufiger dokumentiert. In vielen Fällen ist die Verschleierung von sexualisierter Gewalt, Feminiziden, sexueller Ausbeutung und Menschenhandel Ursache für das Verschwindenlassen. Migrantinnen und Migranten, die von Zentralamerika oder Südmexiko aus in die USA fliehen wollen, sind ebenfalls in hohem Ausmass von Verschwindenlassen betroffen. Familien, die nach ihren verschwundenen Angehörigen suchen, werden stigmatisiert; die Behörden machen sie erneut zu Opfern. Auf der anderen Seite stehen die Täter:innen, die kaum Sanktionen zu befürchten haben. Rund 98% aller Delikte in Mexiko bleiben straffrei.

 

«Meistens kein Fortschritt»

 

Ciudad Juárez liegt im Norden des Bundesstaates Chihuahua, an der Grenze zu den USA. Die Stadt ist Schauplatz ausgeprägter Gewalt, wobei eine bedeutende Zahl von Frauen auf unerklärliche Weise verschwindet.

 

Die Ursachen für dieses Verschwindenlassen sind vielfältig. Gewalt im Zusammenhang mit dem Drogenhandel und Rivalitäten zwischen den Kartellen begünstigen Entführungen. Der Menschenhandel, insbesondere der Frauenhandel, blüht aufgrund der prekären sozioökonomischen Situation. Armut und Arbeitslosigkeit kommen erschwerend hinzu. Die geografische Nähe von Ciudad Juárez zu den USA führt zu einem Zustrom von schutzbedürftigen Migranten, die für kriminelle Organisationen ein leichtes Ziel sind. Ausserdem behindern das schwache Justizsystem und die Korruption die Ermittlungen und fördern die Straflosigkeit.

 

Unsere Partnerorganisation Paso del Norte, die in Ciudad Juárez arbeitet, ist besonders mit der Problematik des Verschwindenlassens konfrontiert. «Skelettreste zu finden, ist einfach», sagt eine Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation. «Sie werden aber selten identifiziert.» Die wenigen Fortschritte, die gemacht wurden, sind den Familien zu verdanken – insbesondere den Frauen. Mit der Hartnäckigkeit der Hoffnung verlangen sie von den Behörden Auskunft, Tatkraft und Anerkennung. Sie schliessen sich zu Opferorganisationen zusammen, suchen Massengräber ab, machen die forensische Arbeit, die Spezialisten machen sollen. Aber, so sagt Alejandro Durán von Paso del Norte: «Meistens gibt es keinen Fortschritt, keine offenen Türen, keinen Dialog.»

Das Kreuz lastet schwer auf den Schultern der Angehörigen, der Weg nimmt kein Ende.

 

Quellen: Centro de Derechos Humanos Paso des Norte, UNO, Deutsche Menschenrechtskoordination Mexiko, Registro Nacional de Personas Desaparecidas y No Localizadas, ACAT-Frankreich, Grupo Interdisciplinario de Expertos Independientes Ayotzinapa, diverse Medien

 
 

Jacobo Orozco García soll endlich gefunden werden!

 

In unserer Petition fordern wir, dass Jacobo Orozco García 10 Jahre nach seinem Verschwinden endlich gefunden wird, und dass die mexikanischen Behörden die Suche nach Vermissten generell intensivieren!

 

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Das Übereinkommen gegen das Verschwindenlassen von Personen


Angesichts der alarmierenden Situation im Zusammenhang mit dem Verschwindenlassen in zahlreichen Ländern hat die internationale Gemeinschaft das Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen ausgearbeitet. Es trat 2010 in Kraft und hat zum Ziel, Verschwindenlassen zu verhindern, die Verantwortlichen zu bestrafen und die Opfer zu schützen. Die Vertragsstaaten verpflichten sich, Vorwürfe des Verschwindenlassens zu untersuchen, die Schuldigen zu bestrafen und das Recht der Opfer auf Wiedererlangung ihrer Freiheit zu gewährleisten.
Mexiko ist Vertragsstaat dieses Übereinkommens. Deshalb muss das Land wirksame Massnahmen ergreifen, um Verschwindenlassen in seinem Hoheitsgebiet zu verhindern und zu beseitigen.

 
 

Verschwindenlassen: eine Menschenrechtsverletzung, die unter das Mandat von ACAT fällt

 

Mit dem Verschwindenlassen wird der Bevölkerung Angst und Schrecken eingeflösst. Wie Folter oder die Todesstrafe ist Verschwindenlassen eine gefürchtete Methode, um jegliche Opposition zum Schweigen zu bringen. Es kommt nicht selten vor, dass die Opfer gefoltert werden oder dass ihre Entführung mit einer aussergerichtlichen Hinrichtung endet. ACAT interveniert daher bei den Behörden, damit sie alles daransetzen, diese Praxis zu beenden und den Opfern, ihren Familien und Freunden endlich Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen.

 

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Ein Licht der Hoffnung

 

 

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