Bild: ACAT-Schweiz

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aus dem acatnews, Juni 2019

 

«Die meisten Kinder sind wegen Bagatelldelikten im Gefängnis»

 
 
 

 EMINED-Gründer Pierre Eoné erzählt im Interview aus seinem Alltag — einem Alltag, an den er sich nie gewöhnen konnte.

 

Die jüngsten Gefangenen in Kameruns Hauptstadt Yaoundé sind gerade mal 13 Jahre alt. Unsere Partnerorganisation EMINED hilft diesen Kindern mit dem, was sie am allerdringendsten brauchen.

 

Nach zehn Jahren Studienaufenthalt in Neuenburg beschloss Pierre Eoné, in sein Heimatland Kamerun zurückzukehren. Kurz vor seiner Abreise fragte ihn sein Freund Martial Renaud: «Pierre, könntest du uns helfen, den Wunsch unseres verstorbenen Vaters zu verwirklichen?» Der Vater Renaud hatte einen bestimmten Betrag seiner Hinterlassenschaft für einen wohltätigen Zweck bestimmt. Pierre Eoné überlegte nicht lange. Er erinnerte sich an seinen Paten, den ursprünglich aus Gonten (AI) stammenden Benediktinermönch Gerold Neff, der sich seinerzeit um die Häftlinge im Zentralgefängnis von Yaoundé gekümmert hatte. Pierre antwortete: «Ja, ich habe eine Idee, wie wir den Wunsch deines Vaters verwirklichen könnten. Ich möchte den Gefangenen im Zentralgefängnis von Yaoundé helfen.» In Anbetracht des Ausmasses dieser Aufgabe in einem Gefängnis mit 800 Plätzen, das aber 4500 Insassen zählt, beschloss Pierre Eoné, sich auf eine der verletzlichsten Gruppen von Gefangenen zu konzentrieren: die Minderjährigen.
Am 25. Mai 2004 – also vor 15 Jahren – erhielt Pierre Eoné nach einem langwierigen Verfahren von den kamerunischen Behörden die Bewilligung für sein Projekt. So ist EMINED entstanden.

Pierre Eoné, das Gefängnis war während Jahren Ihr zweites Zuhause. Haben Sie sich an dieses Umfeld gewöhnt?
Das Gefängnis ist und bleibt ein belastender Ort. Ich werde mich nie an das Elend gewöhnen, das ich dort tagtäglich vorfinde. Ich habe erlebt, dass Schweizer Freunde auf Besuch nach einer halben Stunde darum baten, diesen Ort zu verlassen, dermassen schreiend ist die Not.


Warum sind diese Kinder ins Gefängnis gekommen?
Einige haben echte Straftaten und teils Verbrechen begangen, meist angestiftet von einem Erwachsenen. Die meisten von ihnen jedoch sind wegen Bagatelldelikten in Haft. Würde unser Land normal funktionieren, dann bräuchte es EMINED nicht. Kinder gehören nicht ins Gefängnis.


Denken Sie, dass Ihre Arbeit langfristig politisch etwas ins Rollen bringen kann?
Nein, überhaupt nicht. Wir leiden unter der Misswirtschaft der Regierung, die seit 37 Jahren am Ruder ist. Der Präsident der Republik Kamerun ist kürzlich für weitere sieben Jahre gewählt worden. Wir stecken noch mitten in den Schwierigkeiten: Die Korruption ufert aus, und die Unterschlagung öffentlicher Gelder ist ein wahrhaftiger Nationalsport. Der leider inzwischen verstorbene Beat Keiser schenkte uns einmal einen Container mit Medikamenten und anderen Gegenständen für unsere Jugendlichen. Die Behörden haben überhaupt nichts dazu beigetragen, die Zollabfertigung zu erleichtern. Drei der vier Minister, mit denen ich damals zu tun hatte, sitzen gegenwärtig wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder im Gefängnis in Yaoundé ein – unter ihnen sogar der frühere Premierminister.


Haben Sie mit diesen ehemaligen Ministern über die Angelegenheit gesprochen, seit sie im Gefängnis sind?
Nein, das bringt nichts. In Anbetracht ihres heutigen Wohnsitzes denke ich, sie sind bereits genug bestraft.


Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Gefängnisleitung?
Das ist nicht immer einfach. Manchmal braucht es viel Überzeugungskraft, um einfachste Dinge wie ein Weihnachtsfest für die Jugendlichen zu organisieren. Aber es kommt immer darauf an, wer Verwalter ist; die Beziehungen sind von Person zu Person verschieden.


Es gibt auch Werkstätten und eine Schule im Gefängnis. Inwiefern hilft dies den Minderjährigen, eine erfolgversprechende Zukunft aufzubauen?
Genau, es hat eine Schule sowie Schneider-, Web-, Schuhmacher-, Informatik- und weitere Werkstätten. Solches Handwerk beschäftigt die Jungen während des Gefängnisaufenthalts. Und es kann ihnen auch helfen, sich nach ihrer Freilassung in die Gesellschaft einzugliedern. Umtriebige Jugendliche können so einen Weg finden, aber es sind zu wenige. Bei der Gründung von EMINED schwebte uns vor, ausserhalb des Gefängnisses ein Wiedereingliederungszentrum mit Lehrwerkstätten einzurichten. Leider konnten wir diesen Traum wegen fehlender Gelder nicht verwirklichen – eine grosse Enttäuschung. Wir haben aber auch festgestellt, dass viele der Jungen das schnelle Geld suchen und eine wenig anspruchsvolle Beschäftigung vorziehen, wie zum Beispiel Taxifahrer. Es ist schwierig, sie für eine längerdauernde Ausbildung zu motivieren.


Was stimmt Sie trotz all dieser Schwierigkeiten zuversichtlich?
Natürlich sind die Schwierigkeiten, denen wir begegnen, unbedeutend im Vergleich zur Genugtuung und Hoffnung: Ich bin stolz auf die ehemaligen Insassen, die inzwischen eine Stelle gefunden haben. Manche haben sogar im Gefängnis die Matura und später an der Uni einen Master geschafft. Mein christlicher Glaube ist zudem wegweisend in meinem Leben. Ich gehe davon aus, dass Christus allen Gefangenen vorausgegangen ist. Und so empfinde ich eine grosse Genugtuung dabei, Menschen zu helfen, die wie Christus in Schwierigkeiten sind. Auch bin ich meinen Freunden in der Schweiz und in Kamerun, die mich stets unterstützen, sehr dankbar.


Seit Ende 2018 sind Sie pensioniert. Wie sieht die Zukunft von EMINED aus?
Ich werde für EMINED tätig bleiben, das ist mein «Kind». Solange es mir möglich ist, werde ich mich für EMINED einsetzen und meine langjährige, sehr engagierte Mitarbeiterin Florence Ngo Hongla unterstützen. Zu Recht wird sie im Trakt der Minderjährigen «Mama EMINED» genannt. Und wie könnte ich die unzähligen Freiwilligen vergessen, die über all die Jahre viel gegeben haben! Eine grosse Ehre gebührt der Familie Renaud aus Chambrelien, dank der EMINED überhaupt entstehen konnte, für ihre sehr grosse Unterstützung. Ein ehrendes Andenken gebührt auch Beat Keiser. Und nicht zu vergessen, die Mitwirkung von ACAT-Schweiz. Das sind unsere Wohltäter der ersten Stunde, alle Namen aber können wir hier nicht aufzählen.

Was die Zukunft von EMINED anbelangt, habe ich manchmal allen Grund, mich zu sorgen … Doch ich bin überzeugt, dass all die Freunde von gestern und heute diese Organisation nicht fallen lassen werden, die eine wichtige Rolle spielt. Jeder Franken, jedes Projekt ist eine Investition in die Zukunft der jungen Generation und damit Kameruns.

 

Katleen De Beukeleer, Verantwortliche Kommunikation & Kampagnen ACAT-Schweiz

 
 

 

Pierre Eoné (65-jährig) ist Jurist und Gründer von EMINED. Bis Ende 2018 war er auch Leiter dieser Organisation. Heute ist er pensioniert. Zwischen 1990 und 2000 lebte Pierre Eoné in Neuenburg, wo er einen Teil seines Studiums absolvierte. Von 1998 bis 2000 arbeitete er als Praktikant auf der Geschäftsstelle von ACAT-Schweiz. Er lebt in Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns.

 
 
 

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Ihre Spende für dieses Projekt ist willkommen! Sie können sie auf das Postkonto 12-39693-7 (ACAT-Schweiz) überweisen mit dem Vermerk „EMINED".

 

Vielen Dank!

 

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