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aus dem acatnews, April 2019

 

Begegnung mit einem ehemaligen Scharfrichter

Jerry Givens führte 17 Jahre lang Hinrichtungen für den US-Bundesstaat Virginia aus.

 
 

 

Unsere Kommunikationsverantwortliche Katleen De Beukeleer traf Jerry Givens. Hier schildert sie ihre Eindrücke dieser abstrusen Begegnung.

 
 
 

Brüssel, 1. März 2019. Es ist kurz nach 23 Uhr, als Jerry Givens anruft. Doch, er könne noch ein kurzes Interview geben. Der Weltkongress gegen die Todesstrafe ist schon seit 19 Uhr beendet, Jerry Givens ist müde, seine Frau auch; am nächsten Tag steht die lange Heimreise nach Richmond im US-Bundesstaat Virginia bevor. Aber Givens kämpft nun mal für sein Anliegen: Die Abschaffung der Todesstrafe.
Zehn Minuten später sitzen wir in einer ruhigen Ecke einer Brüsseler Hotellounge.


«Stellen Sie sich bitte kurz vor, Mister Givens.»
«Ich bin Jerry Givens. J-e-r-r-y G-i-v-e-n-s. Ich komme aus Richmond, Virginia.»


Givens hat seine Geschichte wohl schon zu oft erzählen müssen.


Jerry Givens war von 1982 bis 1999 der leitende staatliche Scharfrichter von Virginia. In dieser Zeit führte er 62 Hinrichtungen aus. 25 zum Tod Verurteilte tötete er mittels Giftspritze, 37 mit dem elektrischen Stuhl.

 

«Warum sind Sie hier?»
«Weil ich dazu eingeladen wurde, am Kongress gegen die Todesstrafe teilzunehmen.»


1993 wurde ein Mann, den Givens wenige Tage später hätte hinrichten sollen, für unschuldig befunden. Givens begann, am Justizsystem und an seiner Aufgabe zu zweifeln. Trotzdem machte er seine Arbeit noch sechs weitere Jahre. Als er 1999 wegen der Verwicklung in eine Drogenaffäre verurteilt wurde, verlor er seinen Job und seine Pensionsgelder. Der damals 46-Jährige verbrachte vier Jahre im Gefängnis.
Die in seinen Augen völlig unverhältnismässige Strafe bekräftigte sein Misstrauen gegenüber dem Justizsystem, das er so lange vertreten hatte. Givens wurde zum bekennenden Gegner der Todesstrafe.


«Gott sendet mich auf Missionen wie diesen Kongress», sagt Givens, heute 66 Jahre alt. «Aber warum haben wir alle so viel Angst vor etwas, was wir nicht kennen?», fragt er. Weil der Tod uns alle irgendwann holen werde, und wir keine Kontrolle darüber hätten, so Givens, müssten wir die Todesstrafe jetzt beenden.

 

Vielleicht liegt es an der Müdigkeit, denke ich. Givens redet viel. Ich habe grosse Mühe, seinem Gedankengang zu folgen. Mit zärtlicher Stimme spricht er von Gott, vom Tod, um dann immer wieder auf Gott zurückzukommen, der eh alles so vorgesehen habe.

 


«Mister Givens, Sie waren also der staatliche Scharfrichter. Erzählen Sie.» Givens sagt, als er den Job angenommen habe, sei der Todestrakt leer gewesen. Dann versichert er mir, er habe immer alle gleich behandelt. «Ich liebe alle Menschen wie sie sind. Ich kann nicht schlafen gehen, wenn ich jemanden hasse.»
«Aber schlussendlich haben Sie den Job akzeptiert?»
«Ja, ja», sagt Givens und wühlt in seiner Tasche. «Ich glaube, es gab einen Grund, wieso ich dort landete.»
«Was war dieser Grund?»
«Das weiss nur Gott. Ich glaube, ich musste dafür sorgen dass der Verurteilte genau wusste, was als Nächstes auf ihn zukam.» Gott habe ihn, Jerry Givens, gesegnet. «Wenn ich jemanden hinrichtete, lernte ich, das Leben zu schätzen, denn es hätte auch mich treffen können.»

 

Weitere wirre Erklärungsversuche folgen. Givens holt eine Bibel aus seiner Tasche hervor. Sie fällt fast auseinander; überall hat er Notizen gekritzelt.
Dass Unschuldige verurteilt und hingerichtet wurden, ist der Kern von Givens‘ Widerstand gegen die Todesstrafe. Denn in der Bibel stehe: Du sollst nie einen Unschuldigen töten.

 

«Aber, Mister Givens, würde es für Sie einen Unterschied machen, wenn Sie sich sicher sein könnten, dass alle zum Tod verurteilten Menschen schuldig sind?»
«Natürlich», sagt Jerry Givens. «Wer Menschen vergewaltigt und umbringt, während er weiss, dass er dafür die Todesstrafe riskiert, der begeht doch Selbstmord! Der Verurteilte hat dafür gesorgt, dass er sich im Todestrakt befindet. Nicht ich. Ich war da, um zu helfen.»


Was Givens macht, ist mutig. Es kommt nur selten vor, dass ein ehemaliger Scharfrichter seine Vergangenheit publik macht und darüber spricht. Jerry Givens‘ Engagement ist einmalig. Er weiss, wovon er redet und kann Menschen überzeugen, bei denen die Anti-Todesstrafe-Bewegung kein Gehör findet.


Und trotzdem. Dieser Mann hat 62 Menschen umgebracht. Welchen Wert hat seine lauwarme Reue?


Und dann ist da noch ein Gefühl von Mitleid. Mitleid wegen des ewigen Versteckspiels, welches Jerry Givens mit sich selber spielen muss, um nicht zu Grunde zu gehen. Sein Coming-Out hat nicht verhindern können – oder ist es gerade deswegen? –, dass er sich weiterhin hinter dem System, hinter seiner Vorstellung von Gott, hinter den Umständen versteckt. Ist diese konfuse Figur der Böse, der Folterer, der Henker? Dieser zerbrechliche Mann, der der Wahrheit ins Auge sehen will, aber andauernd zurückkrebst?


Bin ich konsequenter in meinem Handeln?


Es bleibt beim Versuch, zu verstehen.


Es ist nach Mitternacht, als wir uns verabschieden. Das habe Gott wohl so gewollt, meint Givens. Der Tag habe nur 24 Stunden, alles sei vergänglich. «God bless you», sagt Jerry Givens und er spricht immer noch, als sich die Lifttüre schliesst.

 

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