von Michael Steck, Mitglied des Vorstands von ACAT-Schweiz

 

Die menschliche Würde kann man auf verschiedene Art und Weise betrachten. Und so wie Molières bürgerlicher Edelmann Prosa spricht, ohne es zu wissen, verfügen auch wir alle irgendwo über eine Vorstellung dessen, was menschliche Würde ist. Denn wir sind alle Menschen. Der Philosoph Immanuel Kant unterschied zwischen zwei Arten des Wissens: einem Wissen über die Dinge und einem Wissen über die Menschen. Ein Gegenstand kann für einen Zweck, für konkrete Ziele, ausgewählt, gekauft und manipuliert werden. Ein Mensch dagegen kann nicht für einen bestimmten Bedarf verwendet werden. Ich kann eine Person nicht für eine bestimmte Aufgabe kaufen, oder aber ich beute sie aus und mache sie zu meinem Sklaven. Ein menschliches Wesen kann nicht «verdinglicht» werden. Dieses philosophische Grundprinzip wird in der Ethik oft in Diskussionen und Forschungsarbeiten aufgegriffen. So existiert also eine jedem Menschen eigene ontologische Würde (eine Würde, die sich auf das Wesen des Menschen bezieht).


Was sagt uns die Bibel zum Thema menschliche Würde? Dieses Thema zieht sich durch die ganze Bibel. Es steht im Mittelpunkt der Beziehung, die Gott zu den Menschen aufbauen möchte. Gott will mit den Frauen und Männern einen Bund schliessen. Mit einem Ding, einem Gegenstand schliesst man keinen Bund! In der gesamten Bibel bietet Gott unermüdlich den Menschen, die er erschaffen hat, einen Bund an.
In den Augen Gottes ist der Mensch auf keinen Fall ein Gegenstand, den er nach seinem Gutdünken manipulieren kann. So überträgt Gott in der Schöpfungsgeschichte Adam die Aufgabe, allen Lebewesen, die die Erde und die Meere bevölkern, einen Namen zu geben. Ein Gegenstand kann diese Funktion nicht erfüllen!


Eine bestens bekannte Geschichte zeigt uns, wie sehr ein jeder Mensch in den Augen Gottes zählt. Denken wir an die berühmte tragische Geschichte von Kain und Abel. Wie reagiert Gott auf die Ermordung Abels durch seinen Bruder?
«Wo ist Abel, dein Bruder? Er entgegnete: Ich weiss es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders? Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders erhebt seine Stimme und schreit zu mir vom Erdboden. […] » (Genesis 4, 9-10, Einheitsübersetzung).
Gott tritt mit Kain, dem Mörder, in Dialog. Er zieht ihn für sein Tun zur Verantwortung, weist ihn aber auch auf die Beziehung hin, die er zu Abel pflegte, der sein Bruder war. In den Augen Gottes ist Kain in erster Linie


Abels Bruder. Er verurteilt selbstverständlich die Tat entschieden, sieht in ihm aber noch immer einen vollwertigen Menschen.
«Darauf machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde.» (Genesis 4, 15, Einheitsübersetzung).
Gott lässt Kain nicht zugrunde gehen. Er schützt ihn sogar vor denen, die Böses mit Bösem vergelten wollen. Auch wenn er ein Mörder ist, bewahrt Kain seine menschliche Würde.
Die Würde eines jeden Menschen ist die Frucht der Liebe Gottes, die er jedem menschlichen Wesen entgegenbringt. Unser Vater ruft und kennt jeden Einzelnen von uns bei seinem Namen. Der Name gehört zur Identität eines menschlichen Wesens.
Die Würde des Menschen kann nicht gemessen oder quantifiziert werden. Sie ist ein Teil unseres ontologischen Seins und lässt sich daher nicht durch unsere Taten verletzen. Was wir auch tun, wir bewahren unsere Würde. Die schlimmsten Verbrecher bewahren im Grunde ihres Herzens ein Stück Menschlichkeit. Personen mit Alters­demenz, körperlich oder geistig behinderte Menschen, Obdachlose, als unheilbar angesehene Drogenabhängige, Personen, die unter einer schweren Schizophrenie leiden: Sie alle bewahren ihre Würde! Sie sind vollwertige Menschen, wie jeder von uns.


In den Evangelien verkündet Jesus die Frohe Botschaft vor allem den Armen. Die Armen stehen für alle Personen in bescheidenen Verhältnissen, aber auch für Personen, die ausgeschlossen, ausgegrenzt oder isoliert werden, oder für kranke Männer und Frauen oder Leute, die in der damaligen Gesellschaft nicht gut angesehen sind, wie Zöllner und Steuereintreiber. Wir finden viele Geschichten, in denen Jesus auf sie zu geht, sie anschaut und mit ihnen ein Gespräch beginnt. Jesus richtet diese ganze Masse von Armen auf: Er möchte ihnen ihre Würde als Menschen wiedergeben! Diese Geschichten sind besonders ergreifend, wenn Jesus auf Aussätzige oder von Dämonen besessene Personen zugeht und sie heilt. Der Aussatz stellte zur damaligen Zeit eine Quelle von Angst und Schrecken dar. Voller Mitgefühl für die Aussätzigen lässt Jesus Barmherzigkeit walten und bemüht sich darum, sie zu heilen, sie wieder in ihrer ontologischen Würde aufleben zu lassen.


Die Armen sind nicht immer diejenigen, an die man denkt! Jeder kann arm werden, denn in den Augen der Gesellschaft kann jedem seine menschliche Würde aberkannt werden. Nehmen wir die bekannte Geschichte des Zachäus als Beispiel (Lk 19, 1-10):
Zachäus ist eine Person von Rang, eine in seiner Heimatstadt Jericho sicherlich sehr wichtige und sehr bekannte Persönlichkeit. Er ist reich an Geld, aber in Wirklichkeit arm, da er bei seinen eigenen Mitbürgern in Verruf geraten ist. Tatsächlich waren Steuer­eintreiber in der Zeit Jesu sehr schlecht angesehen. Sie arbeiteten für die römischen Besatzer und galten daher als «unrein». Da sie sehr schlecht bezahlt wurden, hielten sie sich an den Steuern schadlos, die sie für die römischen Behörden eintrieben. So bereicherten sie sich auf dem Rücken ihrer Mitbürger. Steuereintreiber wie Zachäus werden daher abgelehnt und ausgegrenzt: Niemand will mit ihnen etwas zu tun haben. Man kann davon ausgehen, dass Zachäus unter dieser Situation gelitten haben muss. Sein Reichtum bringt ihm ausser dem materiellen Nutzen keinen Vorteil. Er hat den Ruf eines unehrlichen Menschen, ja sogar eines verdorbenen Wesens. Unter diesen Umständen ist die Annahme, dass er jegliches Selbstwertgefühl und jedes Gefühl von Würde verloren hat, nicht übertrieben! Jesus macht sich die Mühe, stehen zu bleiben und seinen Blick auf diesen Mann zu richten. Er hält ihn an und richtet sich an ihn wie an einen Menschen, der es wert ist, beachtet zu werden. In dieser Geschichte gibt Jesus Zachäus seine ganze Würde zurück. Letzterer, der sich auf der Suche befand, den Weg zu einem besseren Leben suchte, öffnet sein Herz, verändert sich und wandelt sich von einem innerlich armen Menschen zu einem Reichen, indem er sich für die anderen öffnet und beschliesst, seine materiellen Güter zu teilen. Die Geschichte endet mit der Erinnerung an die Mission Jesu: die Verlorenen zu suchen und zu retten.

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